Licht in dunklen Zeiten
Im Juli 2022 verstarb der fünffache Familienvater Andreas Neufeld im Alter von 47 Jahren an den Folgen seiner Krebserkrankung. Seine Frau Helena Neufeld erzählt, mit welchen Gedanken sie auf das kommende Fest blickt.
Von den Regalen der Supermärkte winken bereits Schokoladenweihnachtsmänner. Gefüllte Lebkuchenherzen und andere weihnachtliche Leckereien verheißen Genuss. Ein großes Fest steht bevor und die Vorbereitungen haben begonnen. Gedankenversunken schiebe ich meinen Wagen vorbei. Nichts davon wird einen Platz darin finden. „Es ist zu früh“, denke ich. Zu früh, um an ein Weihnachten zu denken, das so ganz anders wird, als ich es bislang gekannt habe. Ein Platz wird leer bleiben in diesem Jahr, ein geliebtes Gesicht wird fehlen. Im Sommer ist mein Mann in jene Welt gegangen, die wir ehrfürchtig die Zukünftige nennen. Sein Weg dorthin war schwer. Er hatte Krebs. Drei Jahre und fünf Monate hatten wir nach der Diagnose noch zusammen – unsere fünf Kinder, er und ich. Jahre wie ein Geschenk, das wir heute mit jedem Tag mehr schätzen. Er fehlt uns sehr.
Trotzdem Licht
Jetzt, wo die Nächte länger dunkel bleiben und die Tage schneller von Finsternis bedeckt werden, leuchten mehr und mehr Lichter auf. Wie kleine Hoffnungsschimmer scheinen sie aus den Fenstern auf die Straße hinaus. Wärme und Hoffnung. Ich ertappe mich dabei, wie ich an unsere Lichter in der Weihnachtsbox auf dem Dachboden denke. In diesem Jahr sind die Hände, die sich immer um das Anbringen der Lichter kümmerten, nicht mehr hier bei uns. Werde ich die Lichter also einfach weglassen? „Nein“, denke ich und hebe mein Gesicht zum Himmel empor. Nicht viel wird es sein; die Strompreise verbieten es. Aber dennoch soll Licht aus unseren Fenstern scheinen.
Weihnachten ist eine stille Erinnerung an seine Liebe.
Neu lernen
Ist nicht das Licht das Kernsymbol dieses Festes? Steht es nicht für die Hoffnung, die mir täglich hilft, einen Schritt nach dem anderen in diesem befremdlichen neuen Leben zu machen? Lichter/ Kerzen schreibe ich auf meine Liste der Dinge, um die ich mich kümmern muss. Gleich darüber steht: Geschenke für die Kinder. Ein leises Fragezeichen gesellt sich dazu. Wie soll ich es handhaben? Wir hatten ein festes Budget für die Weihnachtsgeschenke. Kann ich dieses guten Gewissens übernehmen? Schließlich bin ich nun alleine verantwortlich für das Wohl dieser Familie. Entscheidungen alleine zu treffen, ohne das gewohnte Absprechen mit dem geliebten Menschen, gehört zu den Dingen, die ich neu lernen muss.
Sorge vor dem Fest
Und plötzlich rollt diese Welle auf mich zu. Ich habe sie nicht kommen sehen. Der Schmerz überfällt mich und zieht mich hinab, bis ich meine, keine Luft mehr zu bekommen. Ich denke an die Feiern mit den Großfamilien. Alle werden dort sein wie jedes Jahr. Die Kinder werden mit erhitzten Gesichtern in Schalen mit Süßigkeiten greifen. Geschenke unter dem geschmückten Baum, leise Lieder, köstliche Gerüche, festliche Kleidung und jeder hat seinen liebsten Menschen neben sich, nur ich …
All das ist nicht Weihnachten
Ein Impuls in meinem Innern verlangt mit der Dringlichkeit eines Alarmsignals nach Rückzug. Weg von all dem. Es nicht an mich herankommen lassen, schließlich wird es wehtun. Das zu vermeiden, ist doch das Wichtigste, oder etwa nicht? Diesem Klang des Nie-wieder in meinem Herzen will ich nicht länger zuhören. Sein klagender Ton macht mich müde und kraftlos. Mit meiner ganzen Entschlossenheit wische ich die Bilder vom Tisch. Sie fallen, wirbeln durcheinander und dort liegen sie. Auf den Bildern abgebildet sind: ein geschmückter Baum in unserem Wohnzimmer, eine vollständige, fröhliche Familie, Gesundheit in den Gesichtern, Geschenke, ein Festessen, schöne Kleidung. All das ist schön, aber es ist nicht Weihnachten! Mein Herzschlag wird wieder ruhiger. Ich setze mich.
Was Weihnachten ist
Weihnachten. Ist dieses Fest nicht ganz besonders für uns in diesem Jahr? Ist nicht in jener Nacht vor mehr als 2.000 Jahren etwas geschehen, das so grundlegend war, dass es uns heute die Sicherheit gibt, geliebt zu sein? Ungeachtet der Umstände, unter denen wir leben, trotz der vielen Fragezeichen in unserem Leben können wir eines doch ganz sicher wissen: Es gibt jemanden, der uns liebt, und das ist Jesus. Es kann keinen Zweifel daran geben, denn er hat es uns ja bewiesen. Wo gibt es sonst einen Gott, der seine Herrlichkeit verlässt und Mensch wird? Wie tief muss die Liebe dieses Heilandes sein, wenn er alles dafür getan hat, damit der Tod, der so unbarmherzig Wunden reißt und so hart, grausam und unerbittlich ist, nicht das letzte Wort hat! Alles tat er. Er gab sich selbst. Weihnachten ist nichts anderes als eine stille Erinnerung an seine Liebe. Er kam, um für uns zu sterben, damit wir ewig leben können.
Der Tod ist nicht das Ende
Neuer Mut durchströmt mein Herz. Wenn das, was die Bibel sagt, wahr ist (was ich glaube), können wir nicht anders, als dieses Fest voller Freude zu feiern. Mag die Erinnerung an vergangenes Glück auch wehtun, darf sie uns niemals den Blick auf die zukünftige Herrlichkeit verdunkeln. Das „Gloria In Excelsis Deo“ kommt in diesem Jahr aus der Tiefe meines Herzens. Ehre sei Gott in der Höhe, denn er gab seinen Sohn Jesus. Jesus, der sagte: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt“ (Johannes 11,25). Er hat alles verändert, und mit dem Tag seiner Menschwerdung fing es an. Der Tod meines geliebten Mannes war nicht sein Ende, sondern der Beginn eines ewigen Lebens. Der Weg dorthin ist Jesus Christus.
Feiern trotz des Schmerzes
Es wird Zeit, die Kisten mit dem Weihnachtsschmuck vom Dachboden zu holen, die Lichter anzuzünden und Geschenke vorzubereiten, denn Weihnachten ist kein bloßes Familienfest. Weihnachten ist nicht den Privilegierten dieser Welt vorbehalten. Weihnachten ist ein Fest der Hoffnung auf das ewige Leben. Deshalb möchten wir uns in diesem Jahr nicht abschotten. Ja, wir werden den Schmerz zulassen, und Tränen dürfen sein, aber wir wollen uns nicht an Traditionen und unseren idyllischen Vorstellungen festhalten, sondern an dem Grund für dieses Fest: die unermessliche Liebe Gottes zu jedem Menschen.
Die Kerzen in unserem Haus sollen hell brennen, damit ihre Botschaft hinaus in die Welt flackert: Das Licht kam in diese Welt, und es scheint bis heute und weist jedem den Weg, der es sehen will.