Frömmigkeit einüben
Evangelische Aszetik
Ein Programm macht Schule
Christian Eyselein, Christel Keller-Wentorf, Gerhard Knodt, Klaus Raschzok (Hrsg.)
Es ist eine alte Erfahrung: Fromme evangelische Christen beginnen an Theologischen Fakultäten oder Kirchlichen Hochschulen zu studieren und verlieren (nicht selten) ihren vermeintlich fest gegründeten Glauben, werden bibelkritisch und bestenfalls liberal. So habe ich es an drei Universitäten bei Kommilitonen selbst erlebt. Ein wesentlicher Grund war und ist, dass in allen Studiengängen das geistliche Leben keine Rolle spielt. Ausnahmen bilden vor allem Universitätsstädte mit evangelikal orientierten Studienhäusern (wie u. a. in Tübingen, Heidelberg, Mainz, Marburg) oder die evangelikalen Hochschulen (Basel, Bad Liebenzell, Chrischona, Gießen, Marburg). Die Not an staatlichen Fakultäten erkannte als einer der Ersten der Professor für Praktische Theologie, Manfred Seitz (1928 – 2017). Als er in der Evangelischen Akademie Arnoldshain 1967 forderte, sich in Forschung und Lehre auch der Anleitung zum geistlichen Leben zu widmen, war – wie er schreibt – Spott die Reaktion.
Doch der lutherisch-pietistisch orientierte Seitz – der Generationen von Theologiestudenten geistlich wie theologisch vollmächtig prägte – gab nicht auf und wurde u. a. 2007 Mitbegründer des Instituts für Evangelische Aszetik an der Augustaner-Hochschule im fränkischen Neuendettelsau. Der lateinische Begriff Aszetik entspricht dem der Exerzitien, die besonders im katholischen Raum üblich sind. Es geht darum, Frömmigkeit ein- und auszuüben, damit „die reine Lehre auch gelebt wird“ (so Prof. Oswald Bayer in dem Buch). Wie lerne ich beten? Was mache ich in Anfechtung? Wie bekenne ich meinen Glauben? Dabei hat alles – so Seitz – in einer „Haltung der Ehrfurcht vor dem unbegreiflichen Gott“ zu erfolgen. Thema der Aszetik ist auch die Unterscheidung der Geister, wenn Christen z. B. meinen, eine prophetische Gabe zu besitzen. Dazu hat der wissenschaftliche Geschäftsführer des Instituts, Gerhard Knodt, Wegweisendes geschrieben: „Ein an der Bibel geschärfter Verstand genügt nicht.“ Auch der Teufel kennt die Heilige Schrift. Ohne die Gabe des Heiligen Geistes seien deshalb Unterscheidungen nicht möglich. Das Buch bietet auch eine hilfreiche Orientierung für pietistische und noch mehr für charismatisch-pfingstkirchliche Christen.
Helmut Matthies, IDEA-Vorstandsvorsitzender